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Aufruf

Aufgerüttelt durch die jüngsten Fälle von sexueller Misshandlung (sMH) und sexualisierter seelischer Gewalt (ssG) in Kirchen, ist die Politik in Österreich nun endlich aktiv geworden. Justizministerin Claudia Bandion-Ortner und Familienstaatssekretärin Christine Marek (VP) laden am 13. April zu einem runden Tisch ins Bundesministerium für Wirtschaft Familien, und Jugend.
"Familienstaatssekretärin Christine Marek umriss den Teilnehmerkreis mit '30 bis 40 Experten aus unterschiedlichen Berufsfeldern'. Eingeladen werden neben Ärzten sowie medizinisch geschultem Personal etwa Familienorganisationen, Vertreter aus Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, Vertreter der Kirche, der Justiz, der Polizei, der Volksanwaltschaft und der Länder."
(Marek lädt zu 'Rundem Tisch' zum Thema Kindesmissbrauch am 13. April, siehe:
http://www.bmwfj.gv.at/Presse/AktuellePressemeldungen/Seiten/rundertisch.aspx vom 16.3.10)

Endlich auch von österreichischer Regierungsseite in Sachen "Kindesmissbrauch" tätig zu werden, scheint Gebot der Stunde, dazu aber die Opfer und eigentlichen Leidtragenden dazu nicht einzuladen, sowohl aber die Organisationen, welche die "Täter" beherbergen, ist ein Skandal. Wie sollen "nachhaltige Lösungen" gefunden werden ohne jene zu hören, die selbst Erfahrene, also die "Experten" am eigenen Leib und Seele sind. Auch die Wortwahl "Missbrauch" scheint gerade für ein Familienministerium abwegig, als wären Kinder eine Sache, die man gebrauchen kann. Wohl eher trifft Misshandlung, Manipulation oder Gewalt eher den Kern der Sache.

Heute 60-jährig und vor fast 50 Jahren selbst betroffen und Zeuge als Zögling eines katholischen Internats, fühle ich mich nun stark genug und verantwortlich aktiv zu werden und zur Mitarbeit aufzurufen, um ein Proponentenkomitee für die Opfer zu gründen, um die Politik zu überzeugen, dass auch eine Delegation Betroffener repräsentativ an dem "runden Tisch" teilnehmen muss.

Ich bitte Sie, falls Sie in diesem traurigen Thema etwas beizutragen haben, selbst "Opfer", "ZeugIN" oder "TäterIN" sind, oder welche kennen, die bereit sind etwas beizutragen, sich zu melden. Überlässt man den "Täterorganisationen" mit den diözesanen Ombudsstellen die Aufarbeitung, bzw. deren "Projektgruppe" allein die Erstellung einer "Missbrauchsstatistik", so machen sich damit die Böcke selber zu Gärtnern.

Das konkrete Ziel, der Titel und die Personen dieses Proponentenkomitees von Betroffenen ist noch offen und soll basisdemokratisch erarbeitet werden, doch als erstes Arbeitsziel und -Titel schlage ich vor:
Gründung von einem "nichtstaatlichen außerkirchlichen Aktionsbündnis von Betroffenen gegen sexuelle Misshandlung und für deren Aufarbeitung" (naABsMH) mit einem angeschlossenen Dokumentationsarchiv.
Kurzfristig soll dieses Bündnis Repräsentanten ihres Vertrauens wählen, mit der Forderung an dem oben erwähnten "Runden Tisch" des Bundesministeriums am 13. April teilzunehmen.

Weitere Themen und Forderungen:

:: Gesetzliche Aufhebung der Verjährungsfrist bei sMH und ssG
:: Gesetzlich verplichtende Anzeigepflicht für alle Fälle von sMH und ssG
:: Hilfe für Opfer von sMH zur Durchsetzung von Therapie, rechtlicher Ansprüche und Entschädigung
:: Hilfe für Täter bei Therapie, Rehabilitation und Schutz vor Rückfall
:: Anregung von wissenschaftlichen Arbeiten zur Ursachenforschung, Verbreitung und Folgen von sMH und ssG
:: Rückhaltlose Aufklärung auch von lang zurückliegenden Fällen, die in den Archiven der Kirche verborgen liegen
:: Aufhebung des Konkordats
:: Trennung von Kirche und Staat und Abschaffung kirchlicher Privilegien
:: Strenge Kontrolle aller gleichsam geschlossener Systeme innerhalb der Gesellschaft
:: Durchsetzung der Menschenrechte auch in Religionsgemeinschaften
::


Memorandum

Die körperliche und psychische Gesundheit unserer Jugend ist das Fundament für die Sicherung der Zukunft unserer Gesellschaft.
Sexuelle Misshandlung und sexualisierte seelische Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist ein schweres Trauma, das in den meisten Fällen lebenslange, schwerste Beeinträchtigungen an den Opfern hervorruft.
Über die tatsächlichen langfristigen Auswirkungen von sexuellen Misshandlungen an Kindern ist noch wenig bekannt, aber am Beispiel Psychose, die wie der Gipfel eines Eisberges erscheint, zeigt sich das weite Feld. Heutige Genetiker (Wolfgang Meier: 100% Heterogenität - Schizophrenie heute aus der Sicht der psychiatrischen Genetik) können keinen Nachweis finden, dass Schizophrenie erblich ist. Die Ursache dieser bislang wohl schwersten Krankheit ist nur durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu erklären, die alle im Umfeld, in Traumen und sozialen Umständen liegen. Ein einziger genetischer Hinweis fand sich erhöht bei Psychotikern, dieser war allerdings aber zugleich auch erhöht bei besonders kreativen und phantasievollen Menschen.
Psychiatrische Fallstudien besagen aber, dass etwa 50% von Psychotikern in der Kindheit sexuell misshandelt wurden ... (Volkmar Aderhold: Aktuelle Hypothesen zu sozialen Ursachen von Psychosen und Schizophrenie - Viele Wege in Psychosen)
Doch nicht nur Psychosen sondern auch andere Krankheiten, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, psychosomatische Beschwerden und Suizid können Folge von sMH und ssG sein.
Andere Untersuchungen sagen, dass die meisten Täter selbst in der Jugend sexuell misshandelt wurden und dann selbst  jeweils bis zu 100 Opfer sexuell misshandeln. Hier ist ein ewiger Kreislauf am Laufen, der auch durch die jüngsten kirchlichen Fälle bestätigt wird, der sich vielleicht so umschreiben lässt: Wem kindliche sMH widerfuhr, scheint drei Wege vor sich zu haben:
1. Überwindung des Traumas durch gute Therapie und soziales Umfeld
2. Verarbeitung des Traumas nach innen und schwere Erkrankungen psychischer, psychosomatischer Art bis Suizid.
3. Überwindung des Traumas durch Projektion nach Außen durch Wiederholung der traumatischen Handlung an anderen.

Sexuelle Misshandlung von Kindern ist und bleibt ein Verbrechen. Aufrichtige Menschen, denen bewusst wird, dass sie ohne zu wissen einer solchen Organisation angehören, wo solche Verbrechen geschehen, verlassen normalerweise diese Organisation, oder versuchen die Verbrechen aufzuklären. Tun sie dies nicht, laufen sie Gefahr, Vorschub zu leisten.
"Bislang hat die Kirche sich zu schützen versucht, indem sie ihre Kleriker geschützt hat. Jetzt versucht die Kirche sich neuerdings zu schützen, indem sie die schuldig gewordenen Kleriker ausliefert. Man erweckt den Eindruck, dass die Täter eine schwere Zumutung für die Heiligkeit der Kirche darstellen. Auch auf diese Weise wird aber der kausale Zusammenhang auseinandergerissen - man wäscht sich wieder die Hände in Unschuld. Dabei sind die Täter die ersten Opfer einer Kirche, die dann wieder neue Opfer durch die Täter erzeugt. Dieser Zusammenhang muss endlich eingesehen werden." (Zitat: Drewermann)

Die Aufarbeitung der jüngsten massenhaft auftauchenden Vorfälle in kirchlichen Institutionen vor einigen Jahrzehnten sollten als Chance gesehen werden, nicht nur heutigen kirchlichen Opfern Mut zu machen sich zu äußern, sondern sie können auch familiäre Opfer, ZeugInnen und TäterInnen veranlassen, Schritte zu setzen, um sich aus diesem Kreislauf zu befreien. Niemand braucht sich heute noch schämen und die Tatsache verbergen, "Opfer" geworden zu sein, und es wird nicht lange dauern, dass auch die "TäterInnen" sich befreit outen werden, wenn sie selbst und die Gesellschaft erkennen,  wie sie selbst einst als "Opfer" in diesen Kreislauf verstrickt wurden. Je mehr Opfer, Täter und Zeugen sich melden und Betroffene sich selbst organisieren, desto mehr wird es dazu führen, dass sich immer mehr Menschen melden und ihre Geschichten erzählen und damit der Druck entsteht, dass Länder, Kirche und Bund handeln.

Lassen Sie uns den Erfahrungen der TäterInnen ins Auge blicken und vertrauen wir auf die Wirklichkeit, denn nur "Wer an Absurditäten glaubt, begeht Grausamkeiten." (Voltaire)

Wenn es jetzt nicht gelingt, solche Fälle der Vergangenheit überzeugend ans Licht zu bringen, aufzuarbeiten, Gerechtigkeit und Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen, dann wird eine riesige Chance vertan, welche die Menschheit in der psychischen Entwicklung und Selbstbestimmung ihrer Individuen hat.

Bitte helfen Sie, auch wenn sie nicht BetroffeneR, sondern nur betroffen sind, diese historische Chance zu nützen!


Sepp Rothwangl
weitere viele, viele Unterstützer






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Bitte retournieren Sie an calendersign(at)gmx.at folgende Fragen mit dem Betreff: Sexuelle Misshandlung


Bitte unterstreichen oder löschen Sie Ja bzw. Nein auf folgende Fragen:

1. Ich interessiere mich für ein zu gründendes Aktionsbündnis (naABsMH) und möchte eventuell Mitglied werden   
Ja/Nein

2. Ich unterstütze die Bildung eines Proponentenkomitees dieses Aktionsbündnisses und dessen Teilnahme am Runden Tisch
Ja/Nein

3. Ich möchte als ProponentIN bei der Gründung dieses Aktionsbündnisses mitarbeiten
Ja/Nein

4. Ich möchte als Betroffener/Experte am "Runden Tisch" des BM als Repräsentant des Aktionsbündnisses teilnehmen
Ja/Nein

Bitte bei Zustimmung von Pkt. 2. und 3. um Angabe von Namen und Adresse.
Bei Pkt. 4 auch um nähere Angaben zu Person, Beruf, Qualifikation etc.


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22.3.10.,  15:00
Die Weitersendung dieses Texts ist erlaubt. Kritik daran erwünscht!
http://www.calendersign.com/sMH/aufruf.html


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