Zeiten(w)ende = Paradigmenwechsel?
von Sepp Rothwangl
„Was erlauben sie sich ...“
war das diesjährige Motto des Symposions der
„Zeitverzögerer“ und wurde vom Autor dieses Artikels
mit „... uns die Tage und Jahre weiterhin so einzuteilen?“ ergänzt.
Vorwort
Die obigen Fragestellungen beleuchten die Ursprünge des weltweit
herrschenden Gregorianischen Kalenders und dessen Entstehung aus
antiken Kulturen und Verknüpfung mit Mythen und früheren
Weltbildern bzw. Paradigmen.
Der Zugang ist dabei vorerst ein geschichtlicher und basiert auf etwa
30-jähriger Grundlagenforschung, beginnend mit
Archäoastronomie, Sternkunde und Mythologie, erfordert
Kalendercomputistik und eröffnete neue historische Quellen.
Für den astronomischen Laien ist es daher für wirkliches
Verständnis erforderlich, sich mit einigen Fakten wie den
Erdbewegungen, der Präzession und kommensurablen Planetenperioden
vertraut zu machen.
Den Menschen berührt zwar persönlich die Zeiteinteilung aus
dem Gesichtspunkt der Lebenswertigkeit viel mehr, dies ist aber nur am
Rande Gegenstand dieser Betrachtung. Daher ist diese Überlegung
dem Leser vorerst selbst überlassen, bzw. muss Gegenstand einer
späteren Betrachtung sein.
Einen Vorschlag für einen Kalender der Zukunft derzeit schon zu
machen, scheint unnütz, denn kaum jemand würde seine
Notwendigkeit erkennen, und die Macht der Gewohnheit, aber auch die
Macht des Kalendermonopols scheint unüberwindlich.
Ein zukünftiges Projekt muss aber sein für eine „Gute
Zeit“ auch eine gute Zeitrechnung zu gestalten, die nicht auf
überholten Weltanschauungen, Aberglauben und religiösen
Wunschvorstellungen basiert, sondern auf wissenschaftlichen Fakten und
heutigem Weltbild.
Um einem solchen zukünftigen Projekt den Weg zu ebnen, ist es
daher erforderlich, die Wurzeln der jetzigen Zeitrechnung zu
ergründen, um damit ihren Sinn und Wert zu hinterfragen.
Welch überragende Bedeutung dabei dem Jahr 2000 zukommt, ist das
überraschende Ergebnis dieser Forschung. Leider wurde dieses
Ergebnis weitgehend übersehen, auch von Philosophen, die zwar mit
haarspalterischer Spitzfindigkeit sich auf den Beginn des neuen
Millenniums konzentrierten, und als der Weisheit letzten Schluss
feststellten, da es kein Jahr Null gab, logischerweise das Millennium
erst mit 2001 beginnt. Die Jahresfestlegung selbst wurde als Irrtum
dargestellt, wodurch das Jahr 2000 jede Signifikanz verliert. Doch weit
gefehlt, wie sich in der folgenden kurzen Übersicht über den
in seine Bestandteile zerlegten Kalender zeigt!
Der Tag
Die Einheit des Tages entsteht durch die Rotation der Erde um ihre
Achse. Für die meisten Kalender ist der Tag, bestehend aus der
Lichtphase während des Sonnentages und Dunkelphase der Nacht, die
Basiseinheit der Zählung (eine Ausnahme ist das in der antike
verwendete Tithi, eine mathematische Einheit, wobei 30 Tithis einen
lunaren Monat ergeben). Nach heutiger Definition beginnt die neue
Tageszählung um Mitternacht, in früheren und anderen Kulturen
begann sie bei Sonnenaufgang oder bei Sonnenuntergang, wie noch jetzt
im islamischen Kalender.
Die Woche
Die auf einer bestimmten Anzahl von Tagen bestehende Periode ist in
verschiedenen Kulturen unterschiedlich lang. In Ägypten gab es
eine 10 Tage- Woche, basierend auf Dekansternen, im antiken Rom einen
achttägigen Marktzyklus, bei den Maya eine 20-tägige Periode.
Die Siebentagewoche kam von Mesopotamien über das Judentum ins
christliche Abendland und basiert auf einem astro-horoskopischen
System, das auf den sieben Planeten der Antike aufbaut. Im
Italienischen, Englischen und Franzosischen wird diese Abstammung neben
Sonntag und Montag auch für die anderen Wochentagsnamen
ersichtlich: Martedi (Mars: Dienstag), Mercoledi (Merkur: Mittwoch),
Iovedi (Jupiter: Donnerstag), Venerdi (Venus: Freitag), Saturday
(Saturn: Samstag). Das früheste Zeugnis für die scheinbar
chaotische Abfolge der Planetentage liefert Berossos,[i] ein
Babylonier, der im 3. Jh. v. Zw. auf Kos eine Astrologenschule
unterhielt:
Entsprechend der antiken astrologischen Ordnung der
Planetensphären in der Abfolge Saturn, Jupiter, Mars, Sonne,
Venus, Merkur, Mond wurde jede der 24 Stunden des Tages einem Planeten
zugeordnet. Beginnend mit dem Unheil verkündenden Saturn, zu
dessen Stunde man besser nichts unternahm, endete der
Planetenstundenzyklus in der 24. Stunde mit Mars, weshalb der
nächste Tag mit einer der Sonne zugeordneten Stunde begann und
deshalb zum Tag der Sonne wurde. In dieser Abfolge ergibt sich damit
der bis heute übliche Wochentagszyklus.
Der Mondlauf
Die Phasen des Mondes entstehen durch die von der Erde aus
unterschiedlich sichtbare Beleuchtung durch die Sonne. Bevor der
Sonnenlauf zum wesentlichen Kalenderbestandteil wurde, waren der Mond
und seine Phasen die wichtigsten „Zeitgeber.“ Im
jüdischen, islamischen Kalender und in den christlichen
mondgebundenen Tagen, wie Ostern, Pfingsten usw. ist der Mond heute
noch bestimmend.
Der Monat
Offensichtlich verdanken wir die 12-Teilung des Jahres und des
Tierkreises dem Lauf des Planeten Jupiter, wie ein babylonischer
Schöpfungsmythos zeigt. Dort wird die Schöpfung Belus, der
mit dem Gott Marduk/Jupiter identisch ist, zugeschrieben, weil er den
Himmel einteilte:
Er (Belus/Marduk) schuf die Stationen der großen Götter;
Die Sterne, deren Bilder, und die Sterne am Tierkreis setzte er fest.
Er ordnete das Jahr und teilte es in seine Teile (mizrata);
Für die 12 Monate stellte er (je) drei Sterne hin.
Dieser Text erklärt die Einteilung des Himmels in die zwölf
Sternbilder bzw. Zeichen des Tierkreises, die wiederum in je 3 Dekane
eingeteilt sind. Dass der Planet Jupiter dafür verantwortlich
gemacht wird, folgt aus seinem Lauf: Jupiter braucht 12 Jahre für
einen Umlauf um die Sonne, er steht daher jedes Jahr in einem anderen
Sternbild bzw. Zeichen mit der Länge von 30°. In zwölf
Jahren teilt er so den Himmel in 12 Teile. Weil Jupiter etwa ein
Drittel des Jahres rückläufig erscheint und sich dann von Ost
nach West um etwa 10° retrograd bewegt, teilt er jedes Zeichen in
drei gleiche Teile. Er markiert damit ein Drittel jedes Zeichens mit je
einem Dekan, was somit in Summe die 36 Dekane am ganzen Tierkreis
ergibt.
Das Jahr
Das Jahr ergibt sich durch die Umrundung der Sonne durch die Erde. Von
der Erde aus wandert dabei die Sonne durch die Sternbilder der
Ekliptik, die verborgene Bahn der Sonne, wobei sie das jeweilige
Sternbild, in dem sie sich befindet mit ihrem Leuchten
überstrahlt. Das tropische Jahr ist die Dauer dieser Umrundung vom
Frühlingspunkt bis zu seiner Wiederkehr. Die kalendarische
Länge des Jahres wird von der Anzahl der Tage des tropischen
Jahres bestimmt und durch die Schaltregel festgelegt. Hier sei darauf
hingewiesen, dass der Kalender keine physikalische Dimension der Zeit
enthält, da diese gleichsam bei der Division der Jahresdauer durch
die Tagesdauer herausgekürzt werden, um die Anzahl der Tage des
Jahres zu erhalten.
Der Beginn der Jahreszählung ist spezielles Forschungsgebiet,
worauf der Autor in der Folge näher eingehen wird. Weitere
kalendarische Größen sind dabei entscheidend.
Die Kreiselbewegung, die Präzession, die Zeitalter
Zugleich mit der Eigenrotation (Tag) und der Sonnenumrundung (Jahr)
vollführt die Erde eine weitere Eigenbewegung: die
Kreiselbewegung. Die Erdachse beschreibt dabei in ca. 26.000 Jahren
einen Doppelkegel, wobei die Erde auf immer wieder andere Sterne mit
ihrem Pol weist, d.h. der jetzige Polarstern wird daher seine Funktion
verlieren. So wird in ca. 13.000 Jahren Wega (im Sternbild Lyra) die
Polarsternfunktion ausüben, bzw. gab es vor etwa 6000 Jahren einen
anderen Polarstern mit Thuban, (arab. Drache) im Sternbild Draco.
Durch diese Kreiselbewegung kommt es auch zur Verschiebung des
Frühlingspunktes gegenüber den Sternbildern, d.h. ein
Sternbild nach dem anderen verschiebt sich je nach Größe
alle etwa 2000 Jahre gegenüber den Jahreszeiten. Der Wechsel der
Frühlingssternbilder von Stier zu Widder und weiter zu Fische ist
in vielen, auch biblischen Mythen überliefert[ii]: Moses
überwindet das Goldene Kalb (eine Verballhornung von Taurus) und
wird mit Widderhörnern dargestellt. Spuren der Präzession
finden sich auch in christlichen Wortschöpfungen, wo ICHTHYS das
lateinisierte griechische Wort für Fische das erste Akrostichon
für Jesus Christ wurde:
Iesous CHristos Theou HYios Soter (Jesus Christ, Sohn des Gottes, Retter).
Der Begriff Präzession stammt vom großen griechischen
antiken Astronomen Hipparchos von Nikaia (ca. 150 v. Zw.). Er bestimmte
auf Grund der Verschiebung von Spika (Hauptstern von Virgo)
gegenüber dem Herbstpunkt den Wert des „Fortschreitens der
Tagundnachtgleichen“ allerdings fälschlich mit 100 Jahren
pro 1°, statt ca. 72J/1°. Der zu große Wert von Hipparch
wurde von Ptolemaios übernommen und bis ins endende Mittelalter
von christlichen Astronomen verwendet. Jüngst entschlüsselte
Tontäfelchen und Papyri lassen aber den Schluss zu, dass schon
mehr als ein Jahrhundert zuvor Babylonier (Kidunnu) und der
Heliozentriker Aristarchos von Samos schnellere Werte der
Präzession ermittelt haben, weil sie sowohl tropische, wie auch
siderische Jahreslängen kannten.[iii] Der Unterschied zwischen
beiden ist nämlich Ursache der Verschiebung der Jahreszeiten
gegenüber den Sternen. Frühmittelalterliche arabische und
indische Astronomen verwenden schließlich den Wert von 66 2/3
Jahren pro 1°, was 666 Jahre pro Dekan (10°), bzw. 2000 Jahre
pro 30° ergibt.
Die Jahreszählung
Die Einrichtung der Anno-Domini-Zählung ist dem skythischen
Mönchsgelehrten Dionysius Exiguus (Dionysius der Geringe) zu
verdanken. Er lebte vor etwa 1500 Jahren und war Autor der Collectio
Dionysiana und der Kanone der Konzile und Synoden von Nizäa,
Konstantinopel Calcedon und Sardica[iv] und übersetzte eine Reihe
Werke griechischer Philosophen für den Papst. Gemäß
Patrologia Latina erstellte er die AD Zählung, indem er eine neue
Oster-Berechnung schuf, die er mit dem Titel CYCLUS DECEMNOVENNALIS
DIONYSII (19-jähriger Dionysischer Zyklus)[v]
veröffentlichte. Darin erklärt er unter dem Vorwand, dass das
Ende des Oster-Zyklus von Cyril im Jahr 147 nach Diokletian der Grund
war, einen neuen Oster-Zyklus im folgenden Jahr (532 AD) zu beginnen,
welches er aber nicht mehr nach den Diokletian-Jahre datiert, sondern
an die fiktive Inkarnation (Empfängnis) Christi bindet. Da es
einen 532-jährigen Kalenderzyklus gibt, ist dadurch der Beginn der
Jahreszählung mit dem 25. März 1 AD (einstiger
Frühlingsbeginn) entstanden.
Dass Dionysius dabei in Konflikt mit historischen Fakten[vi] (Tod des
Herodes 4 v. Zw.) und zuvor verwendeten Chronologien gerät, die er
sicherlich gekannt haben musste, wird von Kirchenseite als Irrtum
erklärt.[vii]
Dass Dionysius jedoch ein anderes Ziel vor Augen hatte und entsprechend
dem wissenschaftlichen und religiösen Paradigma seiner Zeit
handelte, zeigt ein Blick auf das damalige Weltbild.[viii]
Das Weltbild zur Zeit des Dionysius
Das Grosse Jahr
Seit der Antike besteht die Idee, dass der zyklische Lauf der Planeten
die Zeit hervorbringt[ix], was in der Vorstellung gipfelt, dass auch
die Ereignisse auf Erden diesem Zyklus unterliegen würden. Plato
drückt dies so aus:
„Nichtsdestoweniger ist es
möglich zu begreifen, dass die vollkommene Zahl der Zeit das
vollkommene Jahr in dem Augenblick erfüllt, wenn die relativen
Geschwindigkeiten aller acht Umdrehungen ihren gemeinsamen Lauf
vervollständigt haben und ihre Erfüllung erreicht haben, wie
durch den Kreis des Selben (des Himmelsäquator) gemessen wird, der
sich gleichförmig bewegt.“ (PLATO, Timaios 39c-d).
Eudemos, ein Schüler des Aristoteles und Lehrer am Lykeion in Athen, lehrte:
"Es gibt ein gemeinsames Vielfaches
aller Umlaufzeiten, das Große Jahr, nach dessen Ablauf alle
Planeten wieder an derselben Stelle stehen."
Die Wiederkehr aller Dinge (apokatastasis pantoon) war die gedankliche Konsequenz, wie sie Eudemos formulierte:
„Wenn man den Pythagoräern
glauben soll, so werde ich auch künftig so, wie alles der Zahl
nach wiederkehrt, euch hier wieder Märchen erzählen, dieses
Stöckchen in der Hand haltend, während ihr ebenso vor mir
sitzen werdet. Auch alles andere wird sich ebenso wiederholen!“
In Folge dieser Idee schrieb der Stoiker Heraklitus vor etwa 2000
Jahren auch die griechische Erschaffung der Menschen durch Prometheus,
die das Olympische Symposion auslöste, einer Konjunktion aller
Planeten zu: „Einige Leute meinen, dass die Konjunktion der
sieben Planeten in einem Sternzeichen diesen Worten von Homer
entsprechen, und auch die Zerstörung der Welt, wann immer diese
geschehen sollte. Er (Homer) spielt an den Tumult des Universums an,
wenn er Apollo, d.h. die Sonne und Artemis, die wir mit dem Mond, sowie
die Sterne von Aphrodite, von Ares, von Hermes und von Zeus
kennzeichnen, (zum Symposion) zusammenbringt. In dieser Art, um nicht
unwissend zu erscheinen, müssen wir diese Allegorie eher wegen
ihrer Überzeigungskraft als wegen ihrer Wahrheit
akzeptieren.“ (HERACLITUS STOICUS, Quaestiones homericae, 53)
Dass diese Sichtweise auch schon Teil des frühen christlichen
Gedankenguts war, lässt sich an Hand einer Passage des
Neuplatonikers Nemesius nachweisen. Es erklärt, dass, wenn die
Planeten zum gleichen Zeichen wie am Anfang zurückkommen, die Welt
von neuem wiederhergestellt würde, und dass die Christen sich die
Auferstehung durch diese Art der Wiederherstellung vorstellen:
„...der Weltenbrand und die Zerstörung alles Seins wird,
nach feststehenden Zeitperioden, durch die Planeten verursacht, wenn
sie, in Länge und in Breite, zum gleichen Zeichen
zurückkommen, in dem ein jeder von ihnen am Anfang war, als die
Welt zuerst geformt wurde. Dann von Anfang an wird die Welt von neuem
wiederhergestellt. Da die Sterne ähnlich zurück gebracht
werden, wird alles, was in der vorhergehenden Periode auftrat, ohne
irgendeine Änderung wiederhergestellt. Es gibt wieder Socrates und
Plato und jeden Mann, mit seinem Freund und Zeitgenossen... alles wird
genau dasselbe ohne irgendeine Änderung bis in die kleinsten
Details sein. Die Leute sagen, dass die Christen sich die Auferstehung
auf diese Art der Wiederherstellung vorstellen.“ (NEMESIUS, De
Natura hominis, 38)
Die enorme Anzahl antiker Autoren, die über die Lehre vom
Großjahr schrieben, zeigt, dass diese Idee für zeitliche
Orientierung die geläufigste und mächtigste war.
Anno Mundi und der drohende Siebente Tag
Christliche Weltgeschichten und Chronologien vor Dionysius basierten
auf der biblischen Genesis und seinem Schöpfungsbericht, was als
Analogie zur Menschheitsgeschichte herangezogen wurde:
„Gott vollbrachte in sechs
Tagen das Werk seiner Hände; und er beendete es am siebten Tag und
ruhte am siebten Tag und segnete ihn. Bedenkt, meine Kinder, was dies
kundtut, er beendete es in sechs Tagen. Die Bedeutung davon ist diese,
dass in sechstausend Jahren der Herrgott all diese Dinge zu einem Ende
führen wird. Denn für ihn ist ein Tag wie tausend Jahre; wie
er selbst mit den Worten bekundet. Siehe da, dieser Tag soll sein wie
eintausend Jahre. Deshalb werden in sechs Tagen, das sind sechstausend
Jahre, alle Dinge vollbracht sein. Und es ist, wie er sagt. Und er ruht
am siebten Tag: Er meinte dies, dass, wenn sein Sohn kommen wird und
die Zeit des Bösen abschafft und die Gottlosen richtet und die
Sonne und den Mond und die Sterne ändert; dann wird er glorreich
ruhen am siebten Tag.“
Apokryphe Apostelgeschichte des Barnabas 13.3-6.
In Anlehnung an die Bibelworte versuchten die frühen christlichen
Weltgeschichten den biblischen Siebentagezyklus der Genesis mit der
Geburt von Jesus zeitlich zu verknüpfen. Der erste Versuch
erfolgte durch Sextus Julius Africanus zu Beginn des 3. Jh. mit Hilfe
seiner Anno-Mundi-Chronologie. Für die Menschheit war darin ein
Zeitrahmen von 6000 Jahren ab Erschaffung der Welt vorgesehen, in
Anlehnung an Psalm 90:4 „Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“ und 2. Petrusbrief 3:8
„Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor
dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.“
Danach, am Siebenten und zugleich Jüngsten Tag sollte die
Auferstehung der Toten kommen. Die Geburt von Jesus wurde von Africanus
auf das Weltenjahr 5500 gelegt, um dem Bibelwort Rechnung zu tragen: "Kinder,
es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der
Antichrist kommt, so sind nun schon viele Antichristen gekommen; daran
erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist" (1. Joh 2:18).
Damit entspricht AM 5500 der elften Stunde von den verfügbaren zwölf (6000 : 12 * 11 = 5.500).
Die Folge dieser Anno Mundi Zählung war jedoch fatal, denn 500
Jahre nach der Datierung von Christi Geburt drohte der Weltuntergang.
Schon 100 Jahre davor wurde dies offenbar:
"Am Übergang vom 4. zum 5. Jh.,
d. h. genauer zum Zeitpunkt, als die barbarischen Invasionen
apokalyptische Ängste aufkommen ließen, schrieb der
afrikanische Bischof Julius Hilarianus z. B. eine Abhandlung über
die "Dauer der Welt", in der er 5530 Jahre seit der Schöpfung bis
zur Kreuzigung Christi, und 369 Jahre von dort bis zum Konsulat von
Caesarius und Atticis (397 CE) rechnete; damit verblieben, so schloss
er, bis zur Auferstehung der Toten noch 101 Jahre."[x]
Der aktuelle Anlass für Dionysius eine neue Zeitrechnung zu
erfinden, war also ein auf der Jahreszählung begründeter
Weltuntergang während seiner Lebenszeit. Wie sich zeigen wird, war
das Ziel des Dionysius das Eintreffen des Jüngsten Tags an Hand
einer Konjunktion aller Planeten in der Zukunft zu finden. Dass dies
spätantiken christlichen Vorstellungen entsprach, zeigen das obige
Zitat von Nemesius aber auch zahlreiche Fresken von
Jenseitsvorstellungen mit dem „Mahl der Sieben“ in
römischen Katakomben, wo offensichtlich die sieben
Planetengötter beim gemeinsamen Mahl (lat: coniunctio = griech:
symposion) dargestellt wurden.
In diesem Zusammenhang sei ein Zeitgenosse von Dionysius erwähnt:
der indische Astronom Aryabhata von Kusumpara. Er berechnete mit Hilfe
der kommensurablen Perioden der Planeten eine Konjunktion etwa 3600
Jahre vor seiner Zeit, auf die er den Beginn der indischen Kali Yuga
Ära datierte. Sie begann am 17. Feb. 3102 v. Zw.
Sensationellerweise hat sich dieses Datum auch im Westen
überliefert, denn im 8 Jh. datiert der islamische, aus Chorasan
gebürtige Astrologe Abu Ma’shar el-Balchi (Albumasar)[xi]
auf dasselbe Jahr die Flut.
Die Apokalypse
Die Auferstehung der Toten, mit der Wiederkehr von Jesus zeitlich
verknüpft, ist ein zentrales Glaubensdogma der Christen und wird
in der Offenbarung des Johannes und zahlreichen Anspielungen der
Evangelien behandelt. Besonders die Apokalypse enthält viele
verschlüsselte Anspielungen auf Himmelskunde. So sagt der
große Kenner antiker Sternkunde Franz Boll: „Es
ist nach so manchen bisher gefundenen Parallelen der
apokalyptischen Vorstellungswelt mit der astrologischer Texte
nicht anders zu erwarten, als dass in der Apokalypse der GESTIRNTE
HIMMEL und seine Gestalten eine besondere Bedeutung haben
müssen.“[xii]
Schon am Beginn der Offenbarung findet sich einen Hinweis für ihre
Entschlüsselung, denn schon die Einleitung stellt eine Anspielung
auf die sieben Planeten dar, weil sie die sieben Sterne
ausdrücklich mit den Engeln bzw. die Leuchten mit den
angesprochenen sieben Gemeinden von Kleinasien gleichsetzt. Die Sterne
oder Engel, bzw. Geister sind klar als Artemis von Ephesus zu erkennen,
wo im Altertum das größte Hauptheiligtum der Mondgöttin
war; - oder als Zeus, der den Planeten Jupiter darstellt, mit seinem
berühmten Altar in Pergamon, einem der sieben antiken Weltwunder,
usw.:
„Sie sprach: schreib in ein
Buch, was du siehst, und schick es an die sieben Gemeinden: nach
Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach
Philadelphia und nach Laodizea....“ (Offb1,9)
„Das Geheimnis der sieben
Sterne, ...bedeutet dies: Die sieben Sterne sind die Engel der sieben
Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.“ (Offb 1,20)
Die sieben Planeten spielen also eine wesentliche Rolle in der
Offenbarung. Diese liefert auch einen deutlichen Hinweis auf das Ende
der Zeit mit dem Auftreten des Antichrist, der mit der Zahl des Tieres
gleichgesetzt wird. Diese Zahl 666 lässt sich leicht als Wert der
Präzession pro Dekan (10°) identifizieren.
Eine weitere astromythische Interpretation der Apokalypse sprengt den
Rahmen dieses Artikels, weshalb auf weiterführende Literatur
verwiesen wird[xiii] [xiv].
Das Jahr 2000
Wie die Untersuchung des wissenschaftlichen und religiösen Umfelds
von Dionysius zeigt, ist es logisch, dass er den Jüngsten Tag im
Auge hatte, der durch die Anno Mundi Chronologie während seiner
Lebenszeit eintrat, und dessen zukünftiges Eintreten er an Hand
einer Konjunktion der Planeten berechnete, die er 1500 Jahre nach
seiner eigenen Zeit fand. Für ihn musste das Ergebnis dieser
Berechnung zugleich auch das Ende des Fischezeitalters markieren und
das Eintreten des Zeitalters Wassermann bedeuten. Sensationeller Weise
findet sich in einer mittelalterlichen Handschrift mit der Kopie
der Aratea des Germanicus eine Sternkarte, wo an der üblichen
Stelle des Wassermann ein gehörntes Tier abgebildet ist.[xv]
Dionysius markierte auf Grund der frühmittelalterlichen
Präzessionskonstante von 666J/10° (2000J/30°) den Beginn
des Zeitalters Fische konsequenterweise 2000 Jahre vor seiner
vorausberechneten Konjunktion und setze so mit der fiktiven
Fleischwerdung Christi das Jahr 1 AD fest. Tatsächlich fand am 5.
Mai 2000 eine sensationelle Konjunktion der klassischen Planeten
innerhalb einer Spanne von nur 26° statt. Sie war der eigentliche
Grund für Festlegung von1 AD auf einen Zeitpunkt 2000 Jahre davor.
Als Ergebnis dieser Betrachtung folgt logischerweise, dass mit dem Jahr
2000 der Gregorianische Kalender, der diese Jahreszählung
verwendet, seinen Zielpunkt erreicht hat, ja deshalb quasi ausgelaufen
ist. Damit endet in konsequenter Weise auch ein Paradigma, bzw. ein
Paradigmenwechsel steht an. Die christliche Kirche, die durch
Bereitstellung der irdischen Zeitrechnung den Anspruch erhob, auch im
Jenseits die Zeit bereit zu stellen, und sich dies durch den
Ablasshandel bezahlen ließ, auf den bis heute der
maßgebliche Reichtum der katholischen Kirche beruht, ist nun
eigentlich in der Situation ihr Versprechen einlösen. Dass der
Jüngste Tag tatsächlich für viele eintrat, beweist eine
Reihe unglücklicher Gläubiger, die mit dem Eintreten des
Jahres 2000 das Ende der Welt fürchteten und ihn vorwegnahmen:
- 914 Menschen starben in Guayana als Gefolgsleute von Jim Jones, dem Führer der Peoples Temple
- In Waco starben 4 Polizisten und 80 Mitglieder der Davidianer des David Koresch.
- Die Aum Sekte tötete 5 Personen und verletzte 5000
bei einem Giftgasangriff am Frühlingstag in Japan. Ihr Führer
Shoko Asahara befahl vergeblich tausenden seiner Anhänger
Selbstmord zu begehen.
- In Frankreich, Kanada und Schweiz töteten sich 63
Mitglieder der Sonnentempler, die sich als Nachfolger der Templer sahen
und behaupteten die Apokalypse sei nahe.
- Am Frühlingstag fand die Polizei von San Diego 39
Leichen der Heaven Gate Sekte, die den Kometen Hale Bopp als Zeichen
der nahen Apokalypse sahen.
- Am Frühlingstag 2000 führte der ugandische
Bishof Joseph Kibwetere 924 Mitglieder seiner “Bewegung der
Wiederherstellung der 10 Gebote Gottes” in den rituellen
Selbstmord.
Weitere Beispiele solch krankhafter Auswüchse des Kalenders
als sich selbst erfüllende Prophezeiungen seien hiermit erspart,
aber durch ein Zitat von Voltaire erklärt: Wer an Absurditäten glaubt, begeht Grausamkeiten.
Ist damit aber vielleicht auch erklärt, warum so viele Menschen
sich abergläubig an Astrologie und Horoskopen halten? Ist der
Grund, dass sie unterbewusst wahrnehmen, wie sehr in Wahrheit noch
immer astrologische und abergläubige Inhalte des Kalenders das
alltägliche Leben beeinflussen?
Schlussbemerkung
Obwohl auch die moderne Kosmologie scheinbar unlösbare Paradoxien
enthält, glaubt das moderne Weltbild nicht mehr an die
Absurditäten, auf denen die christliche Jahreszählung
basiert. Trotzdem aber benutzen heutige Historiker nach wie vor diese
Zeitrechnung, die eigentlich ausgelaufen ist.
Ist diese Orientierung an einem fiktiven Zeitpunkt vor 2000 Jahren, der
eigentlich mit einer falschen Annahme auf einen Moment ausgerichtet
ist, der vor kurzem stattfand, noch adäquat? Dazu werden manche
sagen, was spielt es für eine Rolle, wie wir die Zeit rechen, wenn
es funktioniert.
Dass es doch eine Rolle spielt, woran wir uns zeitlich orientieren, mag
das folgende Beispiel illustrieren: Unsere scheinbar objektiven
Zeitmaße wie Jahr und Tag kommen uns subjektiv einmal
länger, einmal kürzer vor. Die Jahre erscheinen uns, mit
fortschreitendem Alter kürzer zu werden. Dies mag wohl daran
liegen, dass wir das soeben vergangene Jahr in Bezug setzen zur Dauer
unserer insgesamt erlebten Jahre. Für einen Zehnjährigen
dauert ein Jahr also ein Zehntel seines bisherigen Lebens, bei einem
Fünfzigjährigen entspricht ein Jahr indes nur mehr zwei
Prozent seiner bisherigen Lebenszeit. Je älter der Mensch wird,
umso kürzer erscheint ihm ein Jahr und umso schneller scheint ihm
also die Zeit zu vergehen.
Ist dies auch bei Zeitaltern so? Wird deshalb das Leben in der Moderne
so hektisch? Haben wir unterbewusst deshalb so oft keine Zeit, weil uns
ein Zeitalter zwischen den Fingern zerronnen ist, weil die Zeitrechnung
abgelaufen ist?
Eines ist uns freilich klar: Zeitrechnung ist nicht Zeit!
Dennoch, wie bewusst ist uns dies wirklich im täglichen Handeln?
Wie bewusst ist dies in unserer Kultur, die von Mythen enorm
beeinflusst ist, und wo der Satz gilt: Das Unterbewusstsein von
Völkern und Kulturen sind die Mythen.
Wie sehr Mythen wie das Große Jahr oder die Sternbilder auch die
heutige Politik beeinflussen, bzw. die Politik Mythen benutzt, sollen
zwei jüngste Beispiele zeigen, die wohl kaum auf Zufall beruhen:
Die Inauguration des russischen Präsidenten Putin fand am Vorabend
des 5. Mai 2000 statt und bei den Siegesfeiern des neuen amerikanischen
Präsidenten Obama zeigten die TV-Nachrichten offiziell aussehende
Plakate mit der Aufschrift: DAWN OF NEW WORLD. Auf diese Bilder folgte
ein Ausschnitt des Musicals Hair mit dem Songtext: „This is the
Dawning of Aquarius ...“.
Zu guter Letzt sei noch auf eine „begehbare
Planetenkonjunktion“, den Planetenwanderweg „HIMMEL auf
ERDEN“ zwischen Rettenegg und Stuhleck hingewiesen, wo sich
Planeten-Modelle in Abstand und Größe im
Milliarden-Maßstab in einer Konjunktion wie am 5. Mai 2000 in der
Landschaft auf ca. 7 km aufgestellt sind.[xvi] Tafeln bei den Stationen
beschreiben mythisches Weltbild und moderne Astronomie. Eine derartige
Planetenstellung wird sich in sensationeller Weise nicht nur mit den
klassischen antiken Planeten, sondern auch mit den neu entdeckten
Uranus und Neptun genau am Frühlingstag in 666 Jahren (20. 3.
2675) wiederholen.
Bibliographie
[i] Schnabel, Paul: Berossos und Babylonisch-Hellenistische Literatur, Hildesheim 1968.
[ii] Dechend, Herta von und Giorgio de Santillana: Die Mühle des
Hamlet. Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit. Wien.
1994
[iii] Rawlins, Dennis and Keith Pickering: Continued Fraction
Decipherment: the Aristarchan Ancestry of Hipparchos’
Yearlength & Precession. The Aristarchos Sidereal Year’s High
Accuracy. His pre-Hipparchos Knowledge of Precession. Consistency &
Cause of Greek Tropical Year’s Error.
1999. DIO 9.1.3. pp 30-42
[iv] Peitz, Wilhelm M. S.I.: Dionysius Exiguus-Studien, Neue Wege der
philologischen und historischen Text- und Quellenkritik. Berlin 1960
[v] CYCLUS DECEMNOVENNALIS DIONYSII, Webseite von Michael Deckers 2003, http://hbar.phys.msu.ru/gorm/chrono/paschata.htm
[vi] Ferrari D'Occhieppo, Konradin: Der Stern von Bethlehem. Berlin 1994
[vii] Geerlings Wilhelm.: Die Berechnung des Geburtsjahres Christi.
Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität Bochum. 2/1999
[viii] Rothwangl, Sepp: Consideration of the Origin of the Yearly Count
in the Julian and the Gregorian Calendar. Cosmology Through Time.
Ancient And Modern Cosmologies In The Mediterranean Area. Conference
Proceedings, Astronomical Observatory of Rome, Monteporzio Catone.
Edited by Sergio Colafrancesco, Giuliana Giobbi. 2003. ISBN 8884831520
[ix] Calatay de, Godefroid: Annus Platonicus. A Study of World Cycles
in Greek, Latin and Arabic Sources. Universite Catholique de Louvain.
Institut Orientaliste. Peeters Press Louvain - Paris. 1996
[x] Declercq, Georges: Anno Domini. The Origins of the Christian Era. Turnhout Belgium. 2000
[xi] Abû Ma’sar: The Book of Religions and Dynasties (On
the Great Conjunctions). Volume I. Edited and translated by Keiji
Yamamoto, Charles Burnett. Leiden: Brill, 2000
[xii] Boll, Franz: Spaera. Neue Griechische Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Sternbilder. Leipzig 1903
--: Aus der Offenbarung Johannis. Hellenistische Studien zum Weltbild der Apokalypse. Leipzig-Berlin 1914
[xiii] http://www.calendersign.com/de/pr_sterne_der_offenbarung.php
[xiv] Rothwangl, Sepp: Sternstunde 2000. Der Countdown zum
Jüngsten Tag. Edition Styria Print, Graz. 1996. ISBN 3-901921-03-6
[xv] Haffner, Mechthild: Ein antiker Sternbilderzyklus und seine
Tradierung in Handschriften vom frühen Mittelalter bis zum
Humanismus. Untersuchungen zu den Illustrationen der Aratea des
Germanicus. Hildesheim. 1997.
[xvi] http://www.calendersign.com/de/pl_planetenweg.php