Die Scheu Heribert Illigs vor der Sternkunde
(lligs Astrophobie)
Auf den Artikel „300 Jahre erfundenes Mittelalter“ der raum&zeit Nummer 108 erschien in Zeitensprünge 4/2000 eine erbitterte Entgegnung des Autor und Herausgeber Heribert Illig mit folgendem Titel: Astromanie und Wissenschaft. D. Herrmann · F. Krojer · S. Rothwangl · W. Schlosser.
Ein weiter ähnlicher Artikel erschien in Skeptiker 2/01 mit dem Titel "Erfundenes Mittelalter"
Unter
der Überschrift „Rothwangl zwischen Wissenschaftlichkeit und Esoterik“ schreibt
Illig beinahe gekränkt und mit einem Ausdruck von Verfolgtheit:
„Eines scheint erkennbar: Zwei Astronomen benutzen zwei durch viele
Internet-Invektiven ausgewiesene Gegner meiner Thesen, um ihre eigenen, ins
Stocken geratenen Angriffe auf einem viel tieferen, zum Teil
wissenschaftsfremden Niveau weiterhin vortragen zu lassen. Vor ein paar
Jahrhunderten hätte man von‚gedungenen Spießgesellen“ gesprochen, aber
Shakespeare hätte sich nicht gewundert:„Die Not bringt einen zu seltsamen
Schlafgesellen...“.
Sich überall von Feinden umzingelt fühlend, vermeint Illig offenbar, die
Professoren Herrmann und Schlosser hätten Herrn Krojer und mich gedungen, um
Illig meuchlings zu erledigen. Ich kenne Prof. Herrmann weder persönlich, noch
bisher seine Arbeit, nur die Veröffentlichen von Krojer und Prof. Schlosser,
den ich vor zwei Jahren bei einem Symposion kennen gelernt habe. Dass einer von
ihnen es nötig hätte, Illigs Thesen auf wissenschaftsfremden
Gebiet aus dem Weg räumen zu lassen, grenzt an Verfolgungswahn und Selbstüberschätzung.
Doch es kommt noch ärger, wenn Illig weiter fortsetzt:
„Selbstverständlich hat Rothwangl die Redaktion falsch über meine Thesen
informiert, denn das erfundene Mittelalter stammt nach meiner Meinung keineswegs
von den Historikern. Das macht aber nichts, lernen sich doch auf diese Weise
Astronomen und Historiker schneller und besser kennen. Werden sie nun gemeinsam
Front machen gegen raum&zeit, gegen Rothwangl und Krojer, oder werden sie
weiterhin auf offene wie verkappte Esoteriker setzen, so lange sie nur von ihnen
gegen mich verteidigt werden? ...
Ebenso sind die alten Beobachtungen des Sternes Spika (bei Rothwangls 1.
Argumentationspunkt) zu überprüfen. Die Archäoastronomie hätte hier im
Zusammenspiel mit den Historikern ein weitläufiges Arbeitsgebiet. Auf diesem
weiten Feld aktiv zu werden und Ginzels Forschungsstand von 1914 zu
aktualisieren, sollte eine Herausforderung für die Astronomen sein. Statt
dessen blamieren sie sich und ihre Fachorgane in immer neuen, immer peinlicheren
Anläufen.“
Stutzig macht hierbei Illigs Satz „denn das erfundene Mittelalter stammt nach meiner Meinung keineswegs von den Historikern“, ist das doch der Titel von Illigs eigenem Buch. Oder will Illig hier suggerieren, dass er unter Zeitfälschung nie das gemeint habe, als was sie von mir und anderen verstanden wurde, nämlich als Erfindung eines Zeitraumes, den es in Wahrheit nicht gegeben hat, sondern als die Füllung eines sehr wohl stattgefundenen Zeitraumes mit gefälschter Geschichtsschreibung. Leider geht Illig nicht darauf und die von mir in raum&zeit Nr. 108 geäußerten astronomischen Fakten ein, sondern ergeht sich nur in lamentierenden Gejammere über die ungenauen Aufzeichnungen des Historikers und Bischofs Hydatius, von dem aus dem 4. Jh. zwar taggenaue Finsternisberichte vorliegen, aber seine sonstigen Daten ungenau sind, was für Illig ausreicht, die gesamte Geschichtsschreibung des Hydatius als Fälschung abzulehnen. Dies zeigt die übliche Vorgangsweise Illigs , der jede Quelle ablehnt, die seiner These widerspricht. Leider fand sich bisher aber kein einziger stichhaltiger antiker astronomischer Bericht, der mit seiner 300 Jahr These in Übereinstimmung zu bringen ist, und so eine wirklich ernsthafte Diskussion entfachen würde. Illig lenkt statt dessen ab und verlagert sich auf die Schaltage, die im altrömischen Kalender üblich waren, um den Frühlingstag zur Zeit des Augustus oder Caesar mit der Gregorianischen Reform in Beziehung zu setzen, was völlig irrelevant ist, da diese sich auf jenen von Nicea und ausdrücklich auf den 21. März bezog und lenkt durch eine neueingeführten Begriff ab, die lunisolare Präzession, als ob das Erdkreiseln mit freiem Auge sichtbar in die Einflüsse von Sonne, Mond und der Planeten zerlegbar wäre oder gar Einfluss auf die Schalttage eines tropischen Kalenders hätte
Dem Aufruf Illigs, die alten Beobachtungen des Sternes Spika zu überprüfen, will ich aber hier gerne folgen und einen letzten Beitrag zum Thema Phantomzeit beisteuern. Für Illig bringt er allerdings, wie zu erwarten, keine positive Wende.
In
Ptolemaos’ Almagest VII 3, p.28 (Heiberg) findet sich folgende Stelle über
eine Spikabedeckung durch den Mond:
„Timocharis
macht als Beobachter in Alexandria folgende Aufzeichnung.
Im 36. Jahre der
ersten Kallippischen Periode am 15. Elaphebolion, d.i. am 5. Tybi, erreichte der
Mond zu Beginn der dritten (Nacht-) Stunde mit der Mitte seines dem
Nachtgleichenaufganges zugewendeten Randes die Spika. Und die Spika ging durch
(den Mond), indem sie von seinem Durchmesser genau den dritten Teil nach Norden
zu abschnitt.
Der Zeitpunkt fällt in das 454. Jahr Nabonassars auf den 5./6. ägyptischen
Tybi, vier bürgerliche Stunden, das sind nahe zu auch vier Äquinoktialstunden
vor Mitternacht."
In die jetzige Chronologie übertragen, fand dieses Ereignis am 9. März 294 BCE, 20:00 Uhr statt.
Bild:
Der Beginn der Spikabedeckung durch den Mond am 9. März 294 BCE
20:00, dargestellt mit Hilfe eines modernen Astronomieprogrammes.
Auf p. 29 gibt Ptolemaios einen weiteren Beobachtungsbericht von Timocharis
wieder, der besagt, dass im 48. Jahr (kallippisch) am 7. Thot, Spika nach der 10
1/2 - ten (Nacht) Stunde das nördliche Horn des eben erst aufgegangenen Monds
berührte. Dies war im 466. Jahr Nabonassars, 7./8. ägypt. Thot , 3 1/2
bürgerliche Stunden nach Mitternacht.
Nach jetziger Chronologie ist das der 9. Nov. 283 BCE, 3:30 Uhr.
Bild:
Die Spikabedechung
durch den
Mond am 9. Nov. 283 BCE, 3:30.
Wie
sich zeigt, stimmen heutige Astronomieprogramme, die mit Algorithmen nach dem
derzeit ermittelten Himmelslauf erstellt sind, minutengenau mit fast 2300 Jahre
alten Berichten überein, die ausdrücklich auf Beobachtungen beruhen. Wie
sollte solch ein genauer Beobachtungsbericht vor etwa 1000 Jahren nachträglich
gefälscht worden sein? Oder unterstellt Illig gar heutigen Computerexperten und
Astronomen, dass sie Ihre Programme auf die historischen Berichte hinfälschen?
In Wahrheit kennen die heutigen Experten die alten Berichte ja kaum und wären
erstaunt und erfreut zu sehen, wie gut und genau ihre Programme sind! Damit
wendet sich auch Illigs Angriff auf den EDV Experten Franz Krojer gegen ihn
selbst, wenn er Krojer Fachfremdheit vorwirft, wo doch nur Interdisziplinärität
vor den Gefahren der von Illig immer wieder beschworenen Zirkelschlüsse in der
Geschichtsschreibung befreien kann.
Heribert Illig hat sich mit seinem Angriff auf die Geschichtsschreibung über
Karl den Großen zu weit aus dem Fenster gewagt und fälschlich behauptet, die
Karl- Zeit selbst habe nicht stattgefunden, in der jedoch wohl so einiges dem
Kaiser nachträglich angedichtet wurde. Herrn Illig sei geraten, sich
schleunigst von seiner absturzgefährdeten Position zurückzuziehen, um nicht
noch ärger geohrfeigt zu werden. Wirklichkeitsverlust ist schlimmer als nur „gerotwangelt“
zu werden. Er möge sich befleißigen im Aufdecken von historischen Fälschungen,
doch sich nicht hinreißen lassen, selber zu fälschen, um eine vermutete Fälschung
als solche hinzustellen. Das Eingeständnis eines Irrtums bezüglich der
Phantomzeit wird ihm jeder verzeihen und die Aufdeckung von Geschichtsfälschung
bezüglich der Karl-Zeit werden viele begrüßen, das andauernde Beharren auf
ein die Natur verletzendes Prinzip jedoch ist eine Irrlehre. Wie sagt nämlich
der Volksmund richtig?: „Wer dreimal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn
...
Mir scheint es nunmehr Zeitvergeudung noch mehr Beweise gegen die Phantomzeit zu
sammeln, denn sie sind das Papier nicht wert, auf die sie geschrieben werden.
Wer allerdings noch mehr Beweise gegen Illigs These braucht, um diese als Irrtum
zu entlarven, möge sich selbst bedienen: Observations and Predictions of
Eclipse Times by Early Astronomers (Archimedes New Studies in the History and
Philosophy of Science and Technology) von John M. Steele . Juni 2000 ISBN
0-7923-6298-5. Dort findet man mehrere hundert alte Finsternisberichte, die man
mit den Finsterniscodices von Hermann Mucke oder Fred
Espenak vergleichen kann. Herrn Illig zu bekehren, scheint noch
aussichtsloser, als den Papst davon zu überzeugen, dass Maria war keine
Jungfrau war, als sie Jesus gebar.
Doch vielleicht erwächst in Illig für seine Jünger ein neuer Messias, der sie mit 300 Jahren Phantomzeit ins Jahr 1700 zurückbeamt und so vor dem schrecklichen Jahr 2000 und dem Anbrechen des neuen Zeitalters rettet.
Sepp Rothwangl.
-246227
Lesen
Sie zu Ihrer Meinungs- und Wissensbildung in diesem Zusammenhang auch den
bedenklich stimmenden Artikel von Franz Krojer:
Astronomische und emotionale Verwerfungen, vielleicht sogar eine Mega-Verschwörung.


