Der Jüngste Wettlauf von Hase und Igel
Als wieder einmal gerade 1000 Jahre vorübergingen und bevor mit dem Fasching die verkehrte und närrische Zeit begann, war das Sonntagsland von Schnee bedeckt. Hase und Igel trafen gerade da wieder einmal, um ihren märchenhaften Wettlauf auszutragen, von dem einst mein Großvater schon berichtete. Diese einstige Geschichte sei lügenhaft zu erzählen, sei aber doch wahr, wie er sagte, denn sonst könne man sie ja nicht erzählen. Sie trug sich einst in Buxtehude zu, - auf dem Buchweizenfelde, als das Korn gerade blühte.
Inzwischen ist das Korn längst geerntet und liegt schon in der Scheune des Königs aller Tiere, des Löwen, nachdem es feinsäuberlich auf der Waage gewogen und gemessen worden war.
Der Swinigel ist inzwischen schon sehr alt
geworden und konnte mit seinen schwachen Beinchen kaum noch ein paar Schritte
laufen. Das Weib des Swinigels war bereits gestorben und der alte Igel lebte nun
zusammen mit seinem Sohn, der jedoch noch so klein war, dass er kaum schneller
laufen konnte wie sein Vater, der alte Swinigel. Auch der Hase war nicht mehr
der Alte, der war ja einst tot am Stoppelfeld liegengeblieben, als im das Blut
aus dem Halse lief. Der Hase in
dieser Geschichte war der Sohn des Alten, und war nun schon zu einem prächtigen,
jungen großen Hasen herangewachsen.
Bei Beginn des Wettlaufes stellten sich beide auf die Waage, um sich zu messen
und es zeigte sich, dass der junge Hase der wesentlich größere der Beiden war.
Er war so groß und schwer wie noch nie zuvor ein Hase war und wie er übers
Feld lief, so prächtig und stolz, da war sogar die Lerche hoch oben am Himmel
erstaunt und verstummte beinahe vor
seiner Schönheit. Ja sogar die uralten Felsen auf den Bergspitzen wandten ihren
Blick zu dem prächtigen Hasen hin.
Nachdem der Hase und der alte Igel bei der
Waage Aufstellung genommen hatten, konnte
der Wettlauf beginnen. Er sollte wieder auf dem selbem Felde stattfinden, in
dessen Nähe aber ein Weiher angelegt war, wo viele Fische herumschwammen und
längs dem Weiher ging ein ängstlicher Jägersmann auf und ab, um den
Hasen abzupassen.
Es gibt sogar ein Lied von diesem Jägersmann, das geht so: Lied
und Text
"Ein Jäger längs dem Weiher ging,
Lauf, Jäger, lauf,
Die Dämmerung den Wald umfing.
Lauf, Jäger, lauf,..
Ein Häschen spielt im Mondenschein,
Lauf, Jäger, lauf,
Ihm leuchten froh die Äugelein,
Lauf, Jäger, lauf,..
Was raschelt in dem Grase dort
Lauf, Jäger lauf,
Was flüstert leise fort und fort
Lauf, Jäger, lauf,..
Das muß fürwahr ein Kobold sein,
Lauf, Jäger, lauf,
Hat Augen wie Karfunkelstein,
Lauf, Jäger, lauf,..
Der Jäger furchtsam um sich schaut:
Lauf, Jäger, lauf,
Jetzt will ich's wagen - o mir graut!
Lauf, Jäger, lauf,...
0h Jäger, lass die Büchse ruhn,
Lauf, Jäger, lauf,
Das Tier könnt dir ein Leides tun!
Lauf, Jäger . . . .
Der Jäger lief zum Wald hinaus,
Lauf, Jäger, lauf,
Verkroch sich flink im Jägerhaus,
Lauf, Jäger . . . .
Das Häschen spielt im Mondenschein,
Lauf, Jäger, lauf,
Ihm leuchten froh die Äugelein,
Lauf, Jäger . . . .
Auf dem schneebedeckten Felde, in dessen Furchen das
Rennen nun beginnen sollte, hatte sich am anderen Ende schon der junge Igel
postiert, um wieder wie einst seine Mutter dem Hasen entgegenzurufen: Ich bin
schon hier.
Kann es losgehen fragte der Hase . Wenn es sein muss? antwortete
der Igel und jeder stellte sich wie einst in seine Furche. Eins, zwei,
drei! zählte der Hase und fegte los wie der Sturmwind über den Acker, der
alte Swinigel aber, machte nur drei kleine Schritte und duckte sich. Als der
Hase in vollem Lauf unten am Acker ankam, da rief ihm schon der junge Igel zu:
Ick bün all hier!- Noch einmal gelaufen, wieder herum rief der Hase
und lief wieder zurück. Mir recht, meinetwegen so lang wie du Luft hast,
rief der kleine Igel dem Hasen nach, dem die Ohren am Kopfe flogen. So lief der
Hase gut fünfzig mal. Jedes Mal sah der Jäger den Hasen, fürchtete sich aber
so vor dem Rascheln und dem Glitzern seiner Augen, das er selber davon
laufen wollte, weil er meinte es sei ein Ungeheuer.
Endlich fasste der Jägersmann aber Mut und schoss!
Bumm, es krachte und das Feuer das aus seinem Rohr sprühte, war in ganz
Buxtehude zu sehen, denn es leuchtete wie ein Neujahrsfeuerwerk.
In seiner Angst und weil er dabei so zitterte, oder vielleicht wahrscheinlicher,
weil der Jägersmann zuviel Jägermeister getrunken hatte, schoss er
daneben. Er traf nicht den Hasen, sondern
den alten Swinigel. So endete der alte Igel und schaffte nicht mal mehr die drei Schritte, sondern
blieb tot am Felde liegen.
Als der Hase sah, dass der Swinigel zu Tode
gekommen war, da ließ er vor Stolz seine Brust so groß wie nie zuvor
anschwellen und trommelte mit seinen Läufen auf den Boden, dass alle Tiere des
Waldes und auf dem Felde aufhorchten. Nun, sagte er, werde ich den Ruhm
ernten und die alte Niederlage meines alten Vaters rächen.
Der junge kleine Swinigel weinte nun so fürchterlich, dass ihm das Wasser, wie
Bäche aus den Augen floss und den Weiher bis über den Rand füllte, dass die
Fische aus dem Teich schwammen.
Wie beim einstigen Wettlauf von Hase und Igel lief
der Hase auch nun wiederum alle 73 mal das Feld auf und ab, bis zur letzten
Wende. Beim 74. mal aber, seines Sieges nun sicher, rühmte er sich so sehr und
trommelte so gewaltig mit seinen Beinen, dass dabei sein Kopf
blutrot anlief und er dabei genau so aussah wie sein Vater, als ihm einst
das Blut aus dem Halse lief.
Alle Tiere des Waldes, Lerche, Eber, Hirsch, Ziege, Schlange und Fuchs
beschlossen nun nach dem ruhmvollen Sieg des Hasen, den sie von an den verrückten
Ruprecht nannten, einen neuen König der Tiere zu wählen. Alle Tiere
vereinbarten nun, sich nach 100 Tagen auf dem Felde, wo die
Schafe weiden, zu versammeln und zu bestimmen, wer von nun an der neue König
der Tiere sei: Ruprecht der verrückte Hase, der junge kleine Swinigel, dem das
Wasser aus den Augen fließt, oder der Löwe.
Die an einen Pfahl geketteten Hunde von Buxtehude aber, wo diese Geschichte stattfindet, wedeln mit ihren
Köpfen und bellen mit ihren Schwänzen: Jetzt wissen wir endlich, wie der
Hase läuft und auch, wo er im Pfeffer liegt.
Endlich haben sie ihre Ketten durchgebissen, sich losgerissen und kommen frei.
Da fallen die Sterne herab auf die Erde wie Kieselsteine. Die Kinder aber, die
diese Kieselsteine finden und aufsammeln, setzen sie wieder auf den Himmel und
machen neue Bilder und Geschichten daraus.
HIC EST FINIS. KONEC
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