Fehlerhafte Vermessungen am Teufelstein in den Fischbacher Alpen

Sepp Rothwangl CALENdeRsign, Graz, Jänner 2002

Die immer noch anhaltende Unsicherheit, was die astronomische und geodätische Signifikanz des Teufelsteins betrifft, abzubauen und durch Fakten zu ersetzen, ist Ziel dieses Artikels, der besonders den Geschichts- und Naturwissenschaftern gewidmet ist, aber auch dazu dienen soll, der breiten Bevölkerung die wirklichen Tatsachen vor Augen zu führen.

„Die Sonne bringt es an den Tag“ könnte der Urteilspruch in einer nun schon Jahrzehnte dauernden Kontroverse lauten, bei der es darum geht, ob dem Teufelstein bei Fischbach eine astronomische Bedeutung zugemessen werden muss oder nicht. Die Entscheidung in dieser Frage beantwortet letztlich, ob der Teufelstein bei Fischbach eines der bisher bekannt ältesten österreichischen astronomischen Denkmäler ist und ihm der nötige Schutz und die entsprechende Aufmerksamkeit zukommen soll oder nicht, was für Kultur, Tourismus, Politik, Geschichtswissenschaft und Religion von einiger Tragweite ist. In dem bedauerlicherweise oft polemisch geführten Streit haben einige Diskussionspartner auf falschen Grundlagen aufbauend oder aus Unkenntnis richtiger Sachverhalte fehlerhafte Schlussfolgerungen gezogen. Vermutlich unbewusst wurden grob fehlerhafte Basisdaten weiterverwendet, die einen auf fehlerhaften Schlussfolgerungen basierenden Standpunkt aufrecht erhielten, obwohl richtige Daten vorlagen. Sachliche Einwände wurden leider in unwissenschaftlicher Arroganz durch persönliche Unterstellungen, Vorwurf von Verrücktheit oder Bezichtigung von Esoterik oder Leichtgläubigkeit abgetan.

Die folgende Betrachtung legt das Hauptaugenmerk auf die räumliche Ausrichtung der planen Wände des Teufelsstein und seine geographische Lage. Die rätselhafte geometrische drachenförmige Anordnung, mit der Kirchen den Teufelstein umgeben, auf die der Kindberger Rechtsanwalt und Heimatforscher Dr. Hubert STOLLA aufmerksam machte, ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung.

Hauptursache für die noch immer anhaltende Verunsicherung, was eine astronomische oder kalendarische Bedeutung und Funktion des Teufelsteins betrifft, ist ein noch immer von manchen Archäologen zitierter Artikel des em. Vorstandes des Instituts für Astronomie der Universität Graz, Univ.-Prof. Dr. Hermann HAUPT mit dem Titel Der Teufelstein – ein prähistorischer Kalender? (Haupt, 1990). Vermutlich sich auf HAUPT stützend hält der steirische „Landes-Archäologe“ Dr. Diether KRAMER Vorträge, bei denen eine astronomische Betrachtung des Teufelsteins als Hirngespinst, Humbug und pseudoreligiöser Mystizismus dargestellt wird. Die Argumente KRAMERS, was die Überinterpretation und „Credomanie“ durch esoterische Radiästheten anlangt, sind sicher zutreffend, leider schüttet er gleichsam das Kind mit dem Bade aus und verwirft gleichzeitig auch Geodäsie, Geometrie und Astronomie, da er offensichtlich die tatsächliche astronomische Gegebenheit verkennt.

In dem oben zitierten Werk kommt HAUPT zum Schluss, dass weder die Wände, noch seine Lage oder sonstige Konfigurationen des Teufelsteins eine astronomische Signifikanz haben.

HAUPT zitiert als eine seiner Grundlagen die Vermessung des Teufelsteins durch Dipl. Ing. Karl JÖRG.  Davon existieren Lagepläne, von JÖRG im Dezember 1984 verfasst, die für HAUPT als wesentliche Entscheidungsgrundlage dienten. Auf der Grundrissskizze ist die Lage des Teufelsteins mit seinen charakteristischen Wänden grob fehlerhaft und um etwa 45° von NO nach Norden hin verdreht dargestellt. Es ist ungeklärt, warum HAUPT, obwohl ihm bessere Messergebnisse seines Kollegen Dr. C. KÖBERL vorliegen mussten, die dem Plan von JÖRG widersprachen, diesen groben Fehler nicht erkannte. In seinem Artikel schreibt HAUPT nämlich, am 10. Dezember 1985 den Azimut der „Westwand“ des Teufelsteins mit Hilfe der Sonnenvisur um 12:04 MESZ bestimmt zu haben. Er gibt als nördliches Azimut den Wert mit 161°.4  an, und führt die Differenz zu 164°33’ am Plan von JÖRG auf Unebenheiten der rauen Wand zurück. HAUPT ist hier entweder eine Verwechslung der beiden Wände passiert und hat das von ihm bestimmte Azimut der kleinen Wand mit dem der großen Wand auf JÖRGS Plan (dort Westwand betitelt) vertauscht. Wie sich jedermann leicht überzeugen kann, befindet sich die Sonne tatsächlich etwa eine Stunde vor ihrem mittäglichen Höchststand in der Flucht der „kleinen Wand“ und nicht jener der „großen Wand“, die von HAUPT und JÖRG als „Westwand“ bezeichnet wurde. Bei der Abfassung seines Artikel verwendete HAUPT diesen fehlerhaften Plan als Basis und kam vermutlich durch Verwechslung seiner eigenen Ergebnisse zum daraus folgenden Ergebnis, dass die Wandrichtungen des Teufelsteins zu keiner Zeit eine markante astronomische Ausrichtung anzeigten.

 


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Bild 1 und 2: Die mit einem groben Nullpunktsfehler behafteten Grundrisskizzen von STOLLA, die mit den Angaben  von JÖRG, die Basis für den Artikel von HAUPT wurden.

Im Absatz 3.2. Der Teufelstein im Gelände seines Artikel widerlegt sich HAUPT jedoch geradezu selbst, wenn er über die mögliche Beobachtung des winterlichen Sonnenaufgangs in Richtung Masenberg spekuliert, die sich als astronomische Signifikanz für eine Wand des Teufelsteins erwiese. Er bestimmt sogar rechnerisch das Azimut dieser Richtung (Aw 124°.86) genau, welches sich bis auf 0°.14 mit meiner ursprünglichen Vermessung des Ausrichtung der großen Teufelsteinwand deckt (Rothwangl,1998) und nur um 3°.14 von der Linie Teufelstein - Kirche Strallegg abweicht. Die tatsächliche Identität der Ausrichtung der großen Wand mit genau dieser Richtung leugnet HAUPT allerdings als „unbeweisbare Vermutung“.

Von mir wiederholt auf seine irrige Meinung aufmerksam gemacht, beharrte HAUPT auf seinem Standpunkt und äußerte sich sogar bei einem Urania Vortrag am 18.5.1999 anlässlich der bevorstehenden totalen Sonnfinsternis vom 11. August 1999 über das internationale interdisziplinäre wissenschaftliche Teufelstein-Symposion (Joanneum Research, 2000) in herabwürdigender Weise. Auf die Frage eines Hörers sagte er in etwa folgendes:

Der Teufelstein wird von einer esoterischen Gruppe für etwas Besonderes gehalten, als ob er ein Kalender wäre. Die Aktivitäten dieser Leute sind mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Man sollte ihre Bemühungen nicht aus astronomischer Sicht betrachten, sondern eher aus psychologischer Sicht, riet er den Zuhörern in Anspielung auf deren Verrücktheit. Er habe selbst den Teufelstein gesehen, seine Wände seien wohl plan behauen, wie auch ein Geologe sage, aber sie seien in keiner Weise astronomisch nach Mond- oder Sonnenwenden ausgerichtet. Diese Leute, so fuhr HAUPT fort, haben es sogar zu Stande gebracht ein Symposion zu veranstalten, wo internationale „sogenannte“ Experten darüber reden sollen. Was das alles soll, wüsste er nicht, den ein Vortragender wird über asiatische Felsdenkmäler sprechen, also über irgend etwas ganz woanders. Es gäbe Statistiker aus Ostdeutschland und sogar aus Graz, welche die rätselhaften Dreiecke des Dr. STOLLA, mit dem er gut befreundet war, berechnet haben und da irgend was gefunden haben sollen. Was das aber solle, wisse er nicht.

Inzwischen sind eine Reihe von sehr exakten Vermessungen der großen und der kleinen Wand des Teufelsteins durchgeführt worden, die nur geringe individuellen Abweichungen voneinander aufweisen, obwohl die Wände Unebenheiten aufweisen. In der Vorbereitung des Symposions, das von.6.-7. August 1999 in St. Jakob stattfand, hat Univ. Prof. Dr. Hans M. MAITZEN, Institut für Astronomie der Universität Wien, bei einer Exkursion am 14. Juni 1999 im Rahmen eines Proseminars mit seinen Mitarbeitern C. Bayer, M. Netopil, H. Pöhnl und M. Rohde die Azimute beider Wände mit einheitlichem Ergebnis bestimmt. Während und nach dieses Symposions hat Univ. Prof. Dr. Wolfhard SCHLOSSER,  Astronomisches Institut der Ruhr Universität Bochum, sowohl die Wände als auch zusätzlich die Sonnen und Mondwenden am Teufelstein und eine Reihe von Bergspitzen bestimmt, die als Peilpunkte in Frage kämen (Joanneum Research, 2000)

 

 

Große Wand

Kleine Wand

Sonne:
WiSoWe-
aufgang

Sonne:
SoSoWe-
untergang

Mondextrem
  Aufgang/
Untergang

Jörg 1984

164°33’ (344°33’)

189°41’ (9°31’)

 

 

 

Köberl 1985

138.1° +/-9.2° (318.1°)

(oben) 151.6°
(331.6° )+/- 5.9°
(unten) 165.1°
(345.1°) +/-5.0°

 

 

 

Haupt

161.4° (341, 4°)

 

124.86°

 

 

Maitzen

130.1°  +/-0.8° (310.1°)

152,5° +/- 1.0°  (332,5°)

~7° Abw.
Gr. Wand

~5° Abw.
Gr. Wand

geringe Abw.
Gr. Wand

Schlosser*

132° +/- 0.7° (312°)

156° +/- 0.6° (336°)

125°
für -4000

308.2°
für -4000

135,3° / 316°


Azimute der Teufelsteinwände und Sonnen- und Mondwenden.


Die Werte der Azimute und zählen in Altgraden (360°) von Nord über Ost (An), wobei jeweils in Klammer der zweite Wert, der in zwei Richtungen weisenden Flucht angegeben ist.  Der in Klammer befindliche Wert entspricht einer Blickrichtung entlang einer Wand von S nach N, der ohne Klammer in umgekehrter Richtung von N nach S. Die ursprünglichen Werte basieren teilweise auf unterschiedlichen Bezugsrichtungen, wie Norden oder Süden, und wurden bereinigt. Zu beachten sind divergierende Methoden, wie das magnetische Azimut mittels Bussolenvisur, dessen Missweisung laut ZAMG für 1999 am Teufelstein +2,0° betrug, oder Gestirnsazimut (nur bei Schlosser*).

Die neuesten genauen Vermessungen von MAITZEN und SCHLOSSER zeigen fast keine Differenz, was die Ausrichtung der Großen Wand betrifft, wenn man die Werte von MAITZEN um die magnetische Missweisung korrigiert. Sie ergeben eine für megalithische Anlagen im üblichen Rahmen befindliche Übereinstimmung mit den Sonnenständen, aber eine fast genaue Übereinstimmung mit den Mondextremen, welche alle ca. 18.6 Jahre auftreten.

Durch diese Messergebnisse stellte sich nicht nur die Vermessung durch HAUPT und JÖRG als grob fehlerhaft heraus, auch die daraus resultierenden Schlussfolgerungen durch HAUPT sind zu verwerfen.

Die astronomische Ausrichtung der Großen Wand wird hingegen bestätigt und wird durch den Inhalt der Teufelsteinsage geradezu bestärkt:
Dieser Mythos erzählt von Luzifer, der zur Wandlung Christnacht einen Turm zum Himmel bauen wollte und damit bis zum Hahnenschrei fertig sein sollte. Die darin enthaltenen Bedeutungen Lichtbringer, Wintersonnwende und Morgen ergeben klar die astronomische und kalendarische Entsprechung.


Bild: Darstellung der tatsächlichen Azimute der beiden planen Wände des Teufelsteins mit Richtungen der extremsten Sonnen- und Mondaufgänge.

Das kurze Presseresümee der Vorsitzenden des Teufelstein-Symposions von St. Jakob lautete:
Der Teufelstein bei Fischbach in Steiermark ist ein steinzeitliches Himmelsobservatorium mit bezüglich Sonne und Mond möglicher Kalenderfunktion, die bis in die ältesten Zeiten der Besiedlung dieses Gebietes zurückgeht. Tatbestand ist seine markante astronomische Ausrichtung. Vermutlich ist der Teufelstein das bislang älteste und am besten erforschte und dokumentierte Denkmal Österreichs dieser Art. Andere, bisher noch ungeklärte Phänomene im Themenkreis des Teufelsteins sollen in Zukunft bei einem weiteren interdisziplinären Symposion erörtert und diskutiert werden.

Was die im Resümee angesprochenen noch ungeklärten Phänomene angeht, so hat sich in der Zwischenzeit genügend Material angehäuft, die eine weitere interdisziplinäre Behandlung des Themas sinnvoll erscheinen lassen.
Einige Diskussionspunkte könnten sein:


Diese Fragen zu erörtern sollte der Bevölkerung und den Politikern von Steiermark der Teufelstein wert sein, ohne deshalb Angst zu haben, einem heidnischen Aberglauben, Leylines von esoterischen Radiästheten oder der Leichtgläubigkeit von Phantasten aufzusitzen. Das Ziel sollte lauten, dieses Kulturerbe zu erhalten und davor zu schützen, dass immer wieder Steine abgeschlagen und durch immer neue Gravuren alte Petroglyphen zerstört werden oder gar der Grundbesitzer, wie angedroht, den Felsen sprengt. So ist zum Beispiel die Inschrift mit den Zeichen „MELL AT + FPUH“, von der Peter Rosegger noch berichtet, nicht mehr zu finden. Es bleibt zu hoffen, dass dem Teufelstein ein ähnliches Schicksal erspart bleibt wie dem Kirchenfels von Johann und Paul in Graz, wo aus Unverstand Felszeichen, die jenen des Teufelstein täuschend ähneln entfernt wurden, um vermutete heidnische Zeremonien bei der Geburtstagsfeier einer 70 jährigen Frau zu verhindern.

 


Bild: Felszeichen (Petroglyphen) am Teufelstein

Es mag für gläubige Christen in einem katholisch geprägten Land wie Österreich an Häresie grenzen und tabuisiert sein, die sagenumwobene Felsformation TEUFELSTEIN, als prähistorisches Kalendermonument zu bezeichnen, weil er durch das Christentum dämonisiert wurde, wie sein Name es ausdrückt.  Für die Wissenschaft aber sollten dabei doch die sachlichen Fakten zählen und nicht Glaube oder Aberglaube oder politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Opportunismus.

Als kulturelle und geistige Anregung gerade an der Jahrtausendwende kann der Teufelstein zur Rückbesinnung auf die Anfänge der menschlichen Zeitrechnung beitragen und eine ähnliche geistige Belebung vorantreiben wie die Wiedergeburt der Antike - die Renaissance - am Ende des Mittelalters.


Bild: Sonnenaufgang zur Wintersonnwende Richtung SO entlang der Großen Wand des Teufelstein

 


Bild: Sonnenuntergang zur Sommersonnwende Richtung NW entlang der Großen Wand des Teufelstein

 

Literatur:

H a u p t, Hermann:  Der Teufelstein – ein prähistorischer Kalender? Zur Frage von bevorzugten Orientierungen und Proportionen in der Landschaft der Vorzeit und der Gegenwart. Mitteilungen des naturwissenschaftlichen Vereins Steiermark, eingelangt am 7. Februar 1990. Band 129, Seite 433 – 439. Graz 1990

J o a n n e u m  R e s e a r c h: Report. Internationales interdisziplinäres wissenschaftliches Symposion: „Der Teufelstein, eine vorgeschichtliche Landmarke mit astronomischer Bedeutung?“ Institut für angewandte Statistik und Systemanalyse. Hrsg. Gölles, Maitzen, Roth, Rothwangl. Graz 2000.

R o t h w a n g l, Sepp: STERNSTUNDE 2000, Graz 1998

 

 

 

Ein Nachtrag

 

Ein Beitrag zur Klärung der Ursachen, warum das Gutachten von Haupt zu dem Ergebnis kam, der Teufelstein sei nicht astronomisch ausgerichtet.

 von Sepp Rothwangl, Graz Jänner 2003.

Leider werden noch immer in manchen, auch wissenschaftlichen Kreisen die Erkenntnisse des Teufelsteinsymposions nicht zur Kenntnis genommen, und noch immer hört und liest man polemische Äußerungen, die astronomische Orientierung des Teufelsteins sei ein Hirngespinst. Als Argument dafür wird immer wieder die Expertise „ Der Teufelstein – ein prähistorischer Kalender“ von Univ. Prof. Hermann Haupt, em. Vorstand des Instituts für Astronomie (Haupt, 1990), zitiert.

Da Haupt selbst zu den inzwischen gewonnenen, neuen Erkenntnissen, die seiner Expertise kontrovers gegenüber stehen, nicht Stellung nimmt, schien es an der Zeit, den Grundlagen seiner Expertise näher auf den Grund zu gehen, geht es doch beim Teufelstein um ein sicher sehr altes astronomisches Kulturerbe der Menschheit. Das Ansehen dieses Denkmal wurde durch das Gutachten von Haupt,  Mitgliedes der österreichischen Akademie der Wissenschaften, im wahrsten Sinn des Wortes in falsches (Sonnen)Licht gestellt und dadurch auch der touristischen und kulturellen Entwicklung der Region Schaden zugefügt, den es zu reparieren gilt. 

Die Nachforschungen über die Ursache ergeben geradezu simpel anmutende Fakten.

Die Anfrage bei Dipl. Ing. Karl Jörg, der als Ermittler der Azimutdaten angegeben ist, ergab im Jahr 002, dass dieser sich erinnerte für den Kindberger Heimatforscher Dr. Stolla privat eine Vermessung von Lage und Ausrichtung des Teufelsteins gemacht zu haben. Jörg fügte hinzu, dass eine mögliche Fehlerursache die Verwechslung von Datenangaben in Neugraden und Altgraden sein könnte. Leider konnte Jörg die seinerzeitigen Dokumente nicht mehr finden, da er seine Vermessung nur aus privater Gefälligkeit für Stolla machte und sie daher nicht wie üblich aufbewahrte. 

Jörg gab an, als professioneller Geodät seine Daten immer in sogenannten Neugraden zu erstellen, wobei der ebene Vollkreis in 400 gleiche Teile geteilt wird. Der rechte Winkel entspricht dabei 100 gon, wobei 1 gon in 100 cgon (Zentigon) und 1 cgon in 10 mgon (Milligon) eingeteilt ist, was Vorteile im Dezimalsystem bringt.
Im Vergleich dazu verwendet man gewöhnlich Altgrade, wo ein Vollkreis in 360 Grade geteilt ist, wie es auch in der Astronomie seit babylonischen Zeiten üblich ist.

Die Umrechnung geschieht folgendermaßen:
1° = 1,111111... gon
; 1 gon = 0,9°

 Diesem ersten Hinweis von Jörg nachzugehen, zeigte sich vorerst als leider nicht plausible Lösung der Fehlerursache des Gutachtens von Haupt.

 Der Hergang lässt sich folgendermaßen leider nicht plausibel erklären:
Annahme: Stolla erhielt von Jörg die Zahlendaten in Neugraden etwa in der Art:

Azimut (von Nord über Ost) Große Wand: 164, 33 und Kleine Wand: 189, 41.

Stolla nahm darufhin an, die Zahlenangaben sind in Altgraden und zeichnete daraufhin seinen Lageplan.

Auf Grund dieses Hergang würde ein mit den entsprechenden gon Angaben gezeichneter Plan, der tatsächlichen Lage gut entsprechen, was allerdings nicht zutrifft.


Graphik: Die azimutalen Zahlenangaben von Stollas Plan in gon gezeichnet

Zur selben mangelhaften Übereinstimmung kommt man auch, wenn man die auch im Plan (../images/tsjoerg1.gif) als gon Werte vermuteten  Altgradangaben tatsächlich in Altgrade umrechnet:
Große Wand 164,33 gon * 0,9 = 147,9°
Kleine Wand 189,41 gon * 0,9 = 170,47°

 Die so umgerechneten Azimut Werte sind weit von der tatsächlichen Richtung der Wände entfernt:
Große Wand 132° ;
Kleine Wand 156°.

Eine andere Ursache muss also vermutet werden.

Auf nochmaliges Nachfragen im Jänner 003 teilte Jörg mit, leider auch inzwischen keine Dokumente der Vermessung vom Jahr 1984 gefunden zu haben, aber sich erinnern zu können, dass die Einmessung von einem geodätischen Punkt nahe beim Teufelstein mit Hilfe eines Theodolithen erfolgte. Die Werte wurden mit Sicherheit in gon angegeben und entsprechen dem azimutalen Winkel von Nord über Ost. Er habe Stolla bei Übergabe der Daten sicher auf deren Angabe in gon hingewiesen. Über alle weiteren Entwicklungen konnte Jörg leider keine Informationen geben, auch nicht darüber, wer den Plan gezeichnet hatte. 

Auf Grund dieser neuen Indizienlage ergab sich eine neue zielführende Rekonstruktion, die den Fehler in einer falschen Umrechnung durch Stolla von Neugraden in Altgrade vermutet. Ein zusätzlich verwirrender Umstand bei dieser Umrechnung könnte gewesen sein, dass man auf Taschenrechnern die Bezeichnungen DEG für Grad (Altgrad), GRAD für Gon (Neugrad) findet.

Der mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffende Ablauf könnte so erfolgt sein:
Stolla, in astronomischen und geodätischen leider kein Experte hat die uns leider unbekannten Zahlenangaben von Jörg, die ihm dieser aber ausdrücklich in Neugraden (gon) übergab, in falscher Weise in Altgrade umgerechnet.  Er hat die Werte statt sie mit 0,9 zu multiplizieren, dividiert. Mit den so ermittelten Werten hat er dann die Pläne gezeichnet oder zeichnen lassen. Jörg hielt so einen Irrtum ausdrücklich für sehr wahrscheinlich und für äußerst häufig. 

Versuchen wir diesen Hergang zu rekonstruieren, so müssen wir die Werte 189° 41’ und 164° 33’ mit 0,9 multipliziert werden, um zum vermuteten Ausgangswert (Jörgs ermittelte Daten in gon) zu kommen:
Große Wand 164° 33’ * 0,9 = 148.1 gon
Kleine Wand 189° 41’ * 0,9 = 170,7 gon

Rechnet man nun diese, vermutlich tatsächlich von JÖRG gelieferten gon Werte richtig in Altgrade um, so ergibt dies:
Große Wand 148.1 gon * 0,9 = 133,29° bzw. 133° 17’
Kleine Wand 170,7 gon * 0,9 = 153,63° bzw. 153° 37’

Die somit gefundenen Werte geben eine hervorragende Übereinstimmung mit den Werten von Schlosser, Maitzen und der Wirklichkeit. Sie sind innerhalb der Toleranz, die durch die Unregelmäßigkeit der beiden Teufelsteinwände gegeben ist, denn die Abweichung beträgt bei der Großen Wand nur 1° 17’ und bei der Kleinen Wand 2° 23’ vom Mittelwert bei Schlosser. 

Wie sich bei einem direkten Vergleich von fehlerhaften Plan (Bild 1 mit Grundrissumrissen  des Teufelstein) und dem Plan der tatsächlichen Azimute mit den Angaben von SCHLOSSER (Teufelsteingrundriss fett schwarz ausgefüllt) zeigt, ist das Azimut der Kleinen Wand im fehlerhaften Plan beinahe identisch mit dem tatsächlichen Azimut der Großen Wand.

 


Bild: In der Graphik wurde Stollas Plan und die tatsächliche Lage des Steins übereinander gelegt.

Der Grund für das nunmehr fast 20 jährige Rätselraten und Irren um die tatsächliche astronomische Ausrichtung des Teufelsteins ist somit wohl restlos aufgeklärt. Besonders tragisch dabei ist, dass vermutlich Stolla selber, obwohl er der größte Verfechter des Teufelsteins war,  einen Fehler verursachte, der Jahrzehnte lang die wissenschaftliche Diskussion lähmte, ja geradezu blockierte.

Es steht aber nunmehr unzweifelhaft fest: Haupt kann bei seinem Lokalaugenschein nur das Azimut der kleinen, östlichen Wand bestimmt haben, die er dann in der Expertise fälschlich Westwand nannte und sie daher mit der Großen Wand verwechselte. Er schreibt nämlich wörtlich: „Ich selbst habe bei unserer ersten Begehung gestoppt, wann die Sonne genau in der Flucht der Westwand stand: Das war am 10. September 1985 um 12.04 MESZ. Unsere Rechnung ergab für diesen Zeitpunkt ein Sonnenazimut von 161.4°, während der Lageplan 164,5° anführt, was in Anbetracht der nicht sehr exakten Definition der Sonnenvisur (Sonnendurchmesser) und des nur einmaligen Versuches an der rauen Wand eine gar nicht so schlechte Übereinstimmung darstellt“.

Die Azimut Angaben im Lageplan von Stolla mit 164° 33’ stimmen überdies genau mit jenen von Haupt zitierten 164,5° überein, sodass man annehmen muss, dass Haupt sich ebenfalls auf den in Bild 1 dargestellten Lageplan von Stolla bezog. In der Folge geschah dann die Verwechslung von der kleinen, mit Sonnenvisur bestimmten Ostwand mit der Großen Westwand. Auch Maitzen kommt in seinem Beitrag beim Teufelsteinsymposion „Zur astronomischen Orientierung des Teufelsteins“ zum selben Schluss (Joanneum Research, 2000).
Aus dem Gutachten von Haupt ergibt sich aber somit, dass er das Azimut der Großen und entscheidenden Wand gar nie bestimmte und seine Schlussfolgerung, dass „weder Wände des Felsens am Teufelstein noch die behaupteten Konfigurationen zwischen dem Teufelstein und anderen Geländepunkten irgendeine astronomisch signifikante Bedeutung haben“ falsch ist. Seine Expertise ist aber damit keineswegs wertlos, denn die wirkliche Faktenlage bestätigt die von Haupt selbst gestellte Forderung, dass „eine der Hauptwände nach einer bevorzugten Richtung des Sonnenaufgangs orientiert ist“ und dass „auch extreme Stellungen des Mondes oder eines anderen Gestirnes (Planeten) jetzt oder in den Jahren der Vorzeit angezeigt worden“ sein müssten.

Ungeklärt bleibt, wie und warum Haupt, trotz zweimaligem Lokalaugenscheins (10. September 1985 und 26. Oktober 1989) die signifikante Ausrichtung der Großen Wand zur Sonnenwende ignorierte, bzw. die Fehlerhaftigkeit des Planes nicht erkannte, ja sogar Hinweise negierte, die darauf aufmerksam machten. Durch seinen Kontakt mit Koeberl musste er doch von dessen Ergebnis vom Jahr 1985 gewusst haben, das exakt mit dem von Schlosser ermittelten Wert für das Mondextrem übereinstimmen. Die Ursache kann kaum in der Fachkompetenz von Haupt liegen, der als professioneller Astronom sicher die Himmelsrichtung der Sonnen und Mondstände kennen muss. Können aber persönliche und weltanschauliche Umstände Haupt in seiner Funktion als Kirchenfunktionär und Herausgeber des österreichischen Musterkalenders veranlasst haben, befürchtetes Wiederaufleben von Heidentum im Keim zu ersticken? 

Es bleibt zu hoffen, dieser Artikel trägt zu besserer fachlicher Information der Bevölkerung bei, um deren Kompetenz zu erhöhen und die Eigenverantwortung zu fördern. Es ist Zeit, dass sich regionale und überregionale Politik, Kultur und Wirtschaft sich des kulturellen Erbes alter Sternkunde und der daraus entstehenden Chancen bewusst werden, dieses schützen und bewahren und es nicht in das sprichwörtliche falsche Licht stellen lassen. (Gewisse Berufsgruppen würden eine derartige  Herabwürdigung mit Schadensersatzforderungen  beantworten). In anderen Ländern, wo die Bevölkerung offenbar nicht in religiöser Geiselhaft gehalten wird, gelten ähnliche Orte als Weltkulturerbe und sind touristische, kulturelle und geistige Attraktion.
Leider gibt es Peter Rosegger nicht mehr, der versprach, vom Teufelstein aus eine touristische Urlaubspredigt zu halten.